Ich geb’dir gleich Kugel, Diggi

Lieber Daniel,

in deinem Beitrag ‚Gib dir Kugel‘ auf Zeit online stellst du die zweifelhafte Behauptung auf, dass der Rapper Haftbefehl der ‚deutsche Dichter der Stunde‘ sei. Eine geniale Erkenntnis, die einem in der Form doch eigentlich nur im Vollrausch und unter Einfluss psychoaktiver Substanzen kommen kann. Da du deine schwachsinnigen Behauptungen und unsortierten Gedankengänge jedoch inhaltlich leider nicht belegst, hätte ich noch die ein oder andere Nachfrage um dein ‚beautiful mind‘ besser begreifen zu können.

Darf man deinen Ausführungen glauben (und ich persönlich rate jedem dazu ab), stellt der ‚rappende Verseschmied‘ die zeitgenössische Dichtung vor eine Herausforderung. Aha. Damit aus diesem Absatz mehr als nur ein Blabla ohne Aussage wird, wäre es hilfreich wenn du dies etwas konkretisieren könntest. Was bedeutet denn ‚zeitgenössische Dichtung‘ eigentlich für dich? Ist ja wichtig die Definitionen im Vorfeld zu klären. Jemand, für den Haftbefehl ernsthaft ein Quell sprachlicher Innovation ist, definiert zeitgenössische Dichtung vermutlich anders als ich. Jemand, der Haftbefehl ernsthaft für einen Quell sprachlicher Innovation hält, hat sich vielleicht nie wirklich mit zeitgenössischer Dichtung auseinandergesetzt.

Zudem würde es mich brennend interessieren, vor welche Herausforderung genau die zeitgenössische Dichtung jetzt gestellt ist? Ihre Reimschemata weniger anspruchsvoll zu gestalten? Stil und Tonalität soweit runterzubrechen zu brechen bis ein Text klingt als sei er die Hausaufgabe für den ‚Deutsch als zweite Fremdsprache‘-Kurs?

Auch im Weiteren stellst du nichts als leere Behauptungen auf, die du allenfalls mit billigen Verallgemeinerungen stützt. ‚Die Platte wurde von der Hip-Hop-Gemeinde erwartet wie eine Epiphanie‘. Deine Mutter hat diese Platte vielleicht erwartet, aber ich ganz sicher nicht – und auch sonst niemand den ich kenne! In meinen Augen ist Haftbefehl für den Deutschrap das, was Harald Glööckner für die Modewelt ist: Jemand, der das Glück hat einen großen Marktanteil bedienen zu können, bestehend aus Menschen, denen jeder Sinn für Ästhetik fehlt. Das ist auch okay und es sei ihm gegönnt, aber hör doch bitte damit auf Genialität in etwas hineinzuinterpretieren, wo einfach keine ist! Zu allem Überfluss ziehst du dann auch noch Foucault mit rein.  Was hast du dir denn dabei gedacht? Etwas name-dropping in der Hoffnung intelligent zu wirken? Erläutere doch lieber näher, worüber er hätte juchzten sollen. Also ich weiss ja nicht, welche Reclam-Zusammenfassung seiner Werke du da nicht verstanden hast, aber falls du dich allen ernstes auf seine Machtanalytik beziehst: Lies es noch mal, damit du es in Zukunft vielleicht in einen halbwegs stimmigen Kontext setzen kannst! Ebenso wenig, wie du Foucault verstanden hast, scheinst du zeitgenössische Dichtung verstanden zu haben, sonst würden dich Penis-Reime nicht so in Entzückung versetzten. Jetzt mal unter uns Danny-Boy: Kennst du überhaupt irgendein Stück zeitgenössischer Dichtung. Kennst du überhaupt einen Dichter??? Ich bin mir da nicht so sicher. Jedenfalls scheint dein Fachwissen nicht auszureichen um inhaltlich in die Tiefe zu gehen. Überhaupt scheinst du fehlenden Inhalt mit leeren Phrasen und ein paar Fremdwörtern kompensieren zu wollen, was dich wie ein schwachsinniger Dummschwätzer wirken lässt. Doch zumindest diese Tatsache lässt mich verstehen, weshalb Haftbefehl für dich talentiert erscheint. Gemessen an deinem Talent für Sprache ist Hafti vielleicht wirklich ein Genie. Talent ist ja ein sehr relativer Begriff und immer auch eine Frage des Bezugssystems. Auch deine persönliche Talent-Deffinition würde mich interessieren. Worin genau hat er denn deiner Meinung nach Talent? Ob man seinen Style mag ist sicher Geschmacksfrage, aber Rap-technisch ist faktisch doch viel Platz nach oben. Für mich besteht sein Talent darin, mit möglichst wenig Rap-Talent möglichst viel Patte zu machen. Nach meiner Definition ist er vielleicht kein Rap-Genie, aber dafür kann er die  ökonomischen Grundsätze sehr gut in der Praxis anwenden. Das sei ihm von Herzen gegönnt und ich würdige das als ein absolutes Talent. Zudem bin mir fast sicher, dass er für seinen Erfolg hart gearbeitet hat und dieser somit verdient ist. Meinetwegen soll doch auch jeder die Musik hören, die ihm gefällt. Ich will hier nicht Geschmackspolizei spielen – du scheinbar schon, wenn du Kritik an Haftbefehls Musik als Pädagogenhermeneutik abtust.

Dabei will ich gleich zugeben, dass mein Problem mit ihm tatsächlich pädagogischer Natur ist, denn ich finde es schlicht falsch diese Art von Vorbild vorzuleben. Er vertritt ein Image, das meiner Meinung nach weder gehypt oder nachgeahmt werden sollte. Mag sein, dass die Rolle, die er verkörpert tatsächlich authentisch ist und sein Image seiner Persönlichkeit entspricht. Das Image von Kim Jong-Il spiegelte sicher auch seine Persönlichkeit wieder und auch in diesem Fall war ich zu abgelenkt von meinen eigenen Werten, als das ich ihn für seine Authentizität hätte feiern können. Asoziales Verhalten muss doch nicht noch mit Erfolg belohnt werden. Das könnte dazu animieren diesen Persönlichkeitstyp nachzuahmen und die Pöbel-Proll-Attitude wäre unter den Jugendlichen schnell weiter verbreitet als der NIKE Air Max. Wäre er ein sympathischer Typ, der scheiß Musik macht, dann hätte mich der ganze Hype um seine Person nicht im geringsten gestört. Doch seine Musik ist allenfalls Durchschnitt und alles, wofür er steht, ist in meinen Augen so wertvoll wie das Essen bei MC Donalds und ethisch-moralisch so korrekt wie ein Einkauf bei Primack.

Aber hey Daniel, ich erklär’s die mal mit den Worten von Jan Delay: „Mach wie du meinst, und fühl dich frei. Sauftour’n, Rumhur’n, Prügelei. Ey alles cool, mach wie du willst. Geh lügen, betrügen, lies BILD..“

Einen abschließenden Satz möchte ich an dieser Stelle noch an die Verantwortlichen der Zeit online richten: Werden die Texte ihrer Autoren vor Veröffentlichung gegengelesen? Ihre Bemühungen, sich an den Themen der Zeit zu orientieren, verdienen ganz bestimmt Würdigung, doch scheinbar mangelt es in ihrem Haus an Personal, welches sich mit solchen Inhalten differenzierter auseinandersetzten kann. Oder kommt es dem traffic ihrer Seite zugute, wenn ein Daniel wieauchimmerHaas der deutschen Literatur ein Problem unterstellt?

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