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Clubkultur im Wandel: Die alten Zeiten kommen nicht zurück

Stell dir einen Club wie eine WG vor: Die Miete steigt schneller als neue Mitbewohnerinnen kommen, die Nachbarn beschweren sich über Lärm, und junge Menschen (Gen Z) ziehen erst gar nicht ein. Der Vermieter erhöht derweil mit schöner Regelmäßigkeit die Miete der ohnehin prekären Kurzzeitverträge. Ergebnis: Die WG weiß nicht, ob oder in welcher Zusammensetzung sie in zwei Jahren noch besteht und kann deshalb auch nicht wirklich zukunftsfähig planen.

Clubkultur – eine Branche im Dauer-Prekariat, die trotzdem jedes Wochenende weitermacht wie bisher.

Die gute Nachricht: Die Leute haben nicht aufgehört zu feiern. Sie feiern womöglich nur anders – seltener, selektiver und mit höheren Erwartungen an das einzelnen Erlebnis. Vielleicht geben sie insgesamt nicht weniger Geld für Freizeit aus, sondern konzentrieren es stärker auf besondere Momente. Die zentrale Aufgabe lautet deshalb nicht: Wie bekommen wir wieder mehr vom Gleichen? Sondern: Wie schaffen wir neue Zugänge zu einem Ritual, das sich verändert hat? Scheinbar investieren Besuchende nur noch in ein Erlebnis, bei dem dann alles stimmen muss – Line-up, Location, Outfit, Experience und idealerweise auch das Wetter. Ob das wirklich die ganze Wahrheit ist, weiß ich nicht. Belastbare Zahlen fehlen dafür. Sicher ist aber: Viele Clubs kämpfen gleichzeitig mit steigenden Kosten bei sinkenden Einnahmen, unsicheren Mietverhältnissen und rückläufigen oder schwerer kalkulierbaren Besucherzahlen. Wer nicht weiß, ob er in zwei Jahren noch am selben Ort existiert, investiert vorsichtiger. Wer vorsichtiger investiert, kann weniger ausprobieren. Und wer weniger ausprobiert, kann bestehende Herausforderungen nicht lösen.

Einige Berliner Clubs beginnen bereits, darauf sehr unterschiedliche Antworten zu geben.

Die ELSE kommt mit einem Saisonpass um die Ecke. Der Kater bietet unter dem Motto „next gen“ vergünstigte 15-Euro-Tickets für Menschen zwischen 18 und 24 Jahren an und formuliert damit ziemlich klar: Die junge Generation soll nicht nur irgendwann die Zukunft der Clubkultur sein, sondern schon heute an ihr teilnehmen können. Das Sisyphos dreht mit „generationS“ die Blickrichtung um: Statt nur zu fragen, wie man die Jüngeren zurück auf die Tanzfläche bekommt, dürfen plötzlich auch die Eltern mit in die Hammerhalle. Die Kinderdisco im ://about blank hat längst Tradition. Und das Cassiopeia öffnet seine Räume tagsüber für „Rising Spaces“, eine immersive Ausstellung aus Licht, Sound und Installationen. Damit wird der Club am Tag zum Kunstraum, während die Arbeiten am Wochenende Teil des Nachtbetriebs bleiben.

Meine erste Reaktion darauf lautet: Big yes zu allem. Meine zweite Überlegung ist komplizierter.

Denn „Big yes zu allem“ ist eine Meinung und keine Strategie. Nicht jedes neue Format passt automatisch zu jedem Club. Wenn Kinderdisco, Generationenparty, Sozialticket, Kunstausstellung, Firmenveranstaltung und Sponsoring gleichzeitig dasselbe Haus retten sollen, braucht es einen.

Gerade Häuser wie das Sisyphos oder der Kater funktionieren nicht nur wegen ihres Programms. Sie funktionieren, weil sie eine eigene Welt erschaffen. Diese Welt lässt sich erweitern, aber nicht unbegrenzt mit neuen Zielgruppen, Marken und Erlösmodellen vollstellen, ohne ihren Charakter zu verändern.

Diese Lösungsansätze sollte man allerdings sauber einordnen.

Es gibt ein Nachfrageproblem: weniger Besuchende, veränderte Ausgehgewohnheiten, höhere Preissensibilität und andere Erwartungen an eine Clubnacht. Darauf können Clubs mit neuen Ticketmodellen, generationenübergreifenden Formaten, Tagesnutzungen und einer gezielteren Ansprache reagieren.

Und es gibt aber auch ein Angebotsproblem: steigende Mieten, unsichere Verträge, fehlender Kündigungsschutz und kaum Planungssicherheit. Dieses Problem lässt sich nicht mit einem Saisonpass, einem Sozialticket oder einer Kunstausstellung lösen. Dafür braucht es Standortsicherung, politische Entscheidungen und eine Immobilienstrategie, die Clubs nicht wie beliebig austauschbare Gewerbemieter behandelt.

Die neuen Ticket- und Formatideen sind deshalb vor allem Umsatz- und Publikumsstrategien. Sie können Clubs helfen, neue Zielgruppen zu erreichen und bestehende Flächen besser auszulasten. Eine Antwort auf die Miet- und Verdrängungskrise sind sie nicht.

Auch die häufig erzählte Geld-These greift mir ebenfalls zu kurz. Natürlich sind hohe Eintrittspreise, Getränke, Fahrtkosten und allgemein gestiegene Lebenshaltungskosten für junge Menschen ein reales Hindernis. Das „next gen“-Ticket setzt deshalb an einem nachvollziehbaren Pain Point an.

Aber Geld ist eine Erklärung – nicht automatisch die Erklärung.

Mindestens drei weitere Hypothesen sind ebenso plausibel: Junge Menschen konsumieren teilweise anders oder bewusster; nüchternes Feiern und veränderte Einstellungen zu Alkohol und anderen Substanzen könnten klassische Clubnächte weniger attraktiv erscheinen lassen. Social Media und Dating-Apps übernehmen außerdem Funktionen, die früher stärker beim Ausgehen lagen: Menschen kennenlernen, gesehen werden, Zugehörigkeit herstellen. Und möglicherweise handelt es sich gar nicht primär um ein Nachfrageproblem, sondern um ein Angebotsproblem. Clubs werden durch Stadtentwicklung, Mietsteigerungen, kurze Verträge und Lärmkonflikte verdrängt oder wirtschaftlich so stark unter Druck gesetzt, dass sie kaum noch langfristig experimentieren können.

Dann wäre die entscheidende Frage nicht: Warum kommt die Jugend nicht mehr?

Sondern: Welche Räume und Angebote haben wir ihr überhaupt übrig gelassen?

Vergünstigte Tickets, Saisonpässe und neue Tagesnutzungen können Zugänge schaffen und wirtschaftlichen Druck abfedern. Sie ersetzen aber keine langfristigen Mietverträge, keinen wirksamen Lärmschutz und keine Stadtentwicklung, die Kulturorte als Infrastruktur behandelt. Ticketinnovationen können Symptome lindern. Die strukturellen Ursachen lösen sie nicht.

Besonders heikel wird es beim Thema Corporate Events und Sponsoring. Natürlich liegt darin Geld. Und natürlich können zusätzliche Einnahmen kulturelle Programme querfinanzieren. Aber Subkultur lebt auch von Distanz, Eigenständigkeit und einem tief sitzenden Misstrauen gegenüber kommerzieller Vereinnahmung. Ein schlecht gemachtes Sponsoring – Logo auf dem Dancefloor, Markenaktivierung neben der Nebelmaschine, Produktprobe vor dem Darkroom – kommt peinlich und finanziert im schlimmsten Fall den Downfall.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Clubs sich verändern dürfen. Sie müssen es, denn nichts ist so stetig wie der Wandel. Die alten Zeiten werden nicht zurückkommen. Je eher die Clubkultur aufhört in erinnerungen zu schwelgen, desto eher kann sie sich auf ihre Möglichkeiten konzentrieren.

Nicht jedes Experiment wird funktionieren. Manche Ideen werden Zielgruppen erreichen, andere vor allem Pressemitteilungen produzieren. Trotzdem ist Ausprobieren gerade wahrscheinlich die vernünftigere Strategie als Nostalgie.

Deshalb: Big yes zu Saisonpässen, Generationentickets, Kinderdiscos, Kunstausstellungen und Eltern in der Hammerhalle. Aber bitte nicht wahllos.

Ein Kochbuch für alle, die ihren Club zukunftsfähig aufstellen wollen, habe ich auf meinem Petreon veröffentlich. Für meine Patreon-Mitglieder gibt es das Playbook kostenlos. Noch kein Mitglied? Ihr könnt das Playbook auch einzeln erwerben – hier. geht’s zum Kauf.

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