Covern muß nicht scheiße klingen

„Das Original ist aber tausendmal besser!“, sagen Leute gerne um zu zeigen das sie das Original kennen, und weil man das eben so sagt. Ähnlich wie bei Filmen. „Du musst aber unbedingt das Buch lesen! Das ist tausendmal besser!“, zeigt nicht nur, dass man lesen kann, sondern ist eben oft auch einfach die Wahrheit.

Wenn es um die Ästhetik des Auditiven geht, kann ich schon mal zum Klang-Nazi werden, der gerne die totale akustische Säuberung durchsetzen würde! Besonders wahnsinnig macht es mich, wenn schöne Lieder durch Coverversionen kaputt gemacht werden – was leider in 80% aller ‚Neuinterpretationen‘ der Fall ist. Niemals vergesse ich den Tag, an dem Oli P. „Flugzeuge im Bauch“ von Herbert Grönemeyer releaste – es war der Tag an dem ich bereit war, meine Meinung über die Rechtfertigung der Todesstrafe nochmals zu überdenken. Durfte eine solche Zerstörungswut wirklich ungestraft bleiben???

Nur wenige Künstler haben offenbar die Gabe, das Wesen des Originals zu begreifen und es neu, aber nicht weniger gut, zu interpretieren.

Da gute Cover selten, und deshalb wertvoll sind, habe ich zehn von ihnen in beliebiger Reihenfolge zusammengetragen. Zehn Songs bei denen in mir nicht das unbändige Gefühl wächst, den Interpreten mit dem Tonband erdrosseln zu wollen:

Moob Deep sind und bleiben natürlich the head niggas in charge. They run this shit, they set the trend – das ist so! Basically you get the dick, aber dann kam Dillon – und es war okay. Nicht völlig genial, nicht wirklich neu, aber trotzdem okay. Wer so mutig ist, und sich an einen Klassiker wie ‚Survival of the fittest‘ traut (ohne sich dabei auch noch völlig zum Horst zu machen), der hat doch wohl etwas Props für seine Arbeit verdient.

Die großartige Ellie. Vermutlich gibt es ohnehin keinen Song den man nicht vertrauensvoll in ihre Hände legen könnte, mit der sicheren Gewissheit, dass am Ende alles gut wird. Ohne Worte.

Die Band Heisskalt ist mein ganz persönliches, musikalisches Überraschungsei. Ich gebe es öffentlich zu: Ich bin ein krasser Fan, und das ist auch gut so! Ein krasser Fan bin ich allerdings auch von Moonbootica, und ihr Song „Der Mond“ ist mir, aufgrund persönlicher Erinnerungen an durchgetanzte Nächte, ganz besonders heilig. Als ich bei der Heisskalt-Version zum ersten Mal auf play drückte, war ich deshalb auf das Schlimmste vorbereitet. Selten habe ich mich so gefreut, dass sich meine Erwartungen nicht erfüllten. Eine vergleichbare Erleichterung fühlte ich zuvor nur, als mein erster  Schwangerschaftstest negativ ausfiel. „Krasser Fan!“, erwähnte ich bereits?!

U2 war fester Bestandteil der musikalischen Früherziehung meiner Eltern. Ich lernte bereits von klein auf, dass es niemals den falschen Zeitpunkt für einen U2 Song gab. „Sunday Bloody Sunday“ serviert man den Nachbarn am Besten laut – Selten waren meine Eltern und ich uns in etwas so einig.  Noch heute ist diese Hymne einer meiner Lieblingssongs der Melodic-Hardcore Band Ignite.

Einen Prince Song zu klauen führt viele Künstler zum Schotter. Bei Sinéad war das sicher nicht anders, und danach kam von ihr ja auch nicht mehr viel. Allerdings klaute sie den Song auf eine solch bezaubernde Art und Weise, die mich beinahe vergessen lies, dass er ursprünglich gar nicht von ihr ist. Bereits die ersten Klänge lösen in mir eine Art pawlowschen Heul-Reflex aus. Mir kommen sofort die Tränen. Doch es sind keine Tränen der Wut, wie damals als die No Angels „There must be an Angel“ von Eurythmics schändeten, sondern Tränen der Freude. Für mich ist „Nothing compares 2u“ einer der gelungensten Coverversionen überhaupt. Wer schafft es bitte sonst noch, die Leute denken zu lassen:“ Wer war eigentlich gleich dieser Prince???“

Obwohl das Original vermutlich der Eisbreaker auf jeder Schülerparty gewesen ist, und wirklich jeder den Refrain mitgrölen kann, kennt Soft Cell heute zu recht keine Sau mehr. Der Song ist aber nicht nur catchy, er ist auch textlich ziemlich groß! Dafür das sich Marilyn Manson diesem Song angenommen hat, wird er vermutlich in den Himmel kommen – ob er das will oder nicht. Er streifte dem Lied seinen unwürdigen Popmantel ab, um ihm in die Stimmung zu hüllen, die seiner würdig ist. Songs über Ex-Partner brauchen Aggression, Hass und Verachtung in der Stimmung, und sollten niemals mit der Laune eines Teletubbies vorgetragen werden! Damit hat Marilyn einen größeren Beitrag zu einer besseren Welt geleistet als die Meisten von uns.

Nicht im Leben hält ewig, und Beziehungen sind da keine Ausnahme. Bei Outkast klingt diese Endlichkeit allerdings nach einem riesen Spässchen und macht richtig gute Laune. Genau so, nur anders hat auch Sarah „Hey ya!“ gesungen, und damit dem Lied die Depressivität verliehen, die ihm inhaltlich zusteht. Sehr viel weniger lustig, aber Outkast dürften trotzdem stolz auf sie sein!

Neben der Vorliebe zu Smokey Eyes teilen Robert Smith und Adele offensichtlich auch die Liebe zu guter Musik. Der The Cure –Frontman schrieb das Lied als Liebeserklärung an seine Freundin Mary, welches später zum einzigen Top-Ten-Hit der englischen Band wurde. Obwohl ich persönlich das Original jedem Cover vorziehe, muss man Adele anerkennen, dass sie mit ihrer Version eine Art musikalische Entwicklungshilfe leistete. So gelangt großes Liedgut auch in Gehörgänge, die durch die größten Hits der 80er und 90er und dem Besten von heute, fast völlig verkümmert waren. Für ihren unermüdlichen Einsatz im Kampf gegen mangelnde Klangästhetik sollte man ihr eigentlich das Bundesverdienstkreuz von Jeanette Biedermann verleihen!

Über das Glashaus -Projekt vom talentierten Moses P. könnte ich stundenlang nur Gutes sagen. Covern hat Herr Pelham wirklich nicht nötig, aber gereizt hat es ihn offensichtlich trotzdem. Herausgekommen ist ein Stück, dass mich zum ersten Mal vor die Frage stellte: Kann man zwei Dinge exakt gleich lieben? Ich konnte! Müsste ich mich für eine der beiden Versionen entscheiden, ich könnte es nicht! Jede ist auf ihre Art perfekt. Für mich sind die beiden Versionen das Ying und Yang der Coversongs. Die gefühlvollste Stimme der fabelhaften Cassandra Steen verleiht der Glashaus-Interpretation melancholische Weiblichkeit, während mich im Selig-Orignal die Hilflosigkeit und Verzweiflung in der versoffenen Stimme von Herrn Plewka zutiefst berühren.

Ich habe diesen Song gehört und mich sofort verliebt. Aus persönlichen Gründen wollte ich mir das aber erstmal nicht eingestehen. Doch so sehr ich auch versuchte mich zu entlieben, es wollte mir nicht gelingen. Was auch immer ich mir vormachen wollte, ich musste ehrlich zu mir selbst sein: An diesem Track ist alles so viel besser als beim verstaubten Original der dicken Trude. Der Beat ist tanzbarer, der Song viel zeitgemäßer und die Sängerinnen schöner und dünner und… überhaupt.