Die fabelhafte Weltanschauung der Hannah Arendt

Durch ihr Buch Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen wurde ich auf die politische Theoretikerin Hannah Arendt aufmerksam. Als jemand der selbst dazu neigt Sachverhalte aus der Meta-Ebene zu betrachten, war ich zutiefst beeindruckt von ihren Denkprozessen. Als jemand der aus eigener Erfahrung weiss, wie schnell diese Betrachtungsweise in unserer Gesellschaft missverstanden wird, war ich zutiefst beeindruckt von ihrem Mut ihre Ansichten zu einem derart kontroversen Thema mit der Öffentlichkeit zu teilen. Natürlich wurde die jüdische Publizistin für ihre Ansichten scharf kritisiert, jedoch schien sie auf diese Kritik mit Gelassenheit reagieren zu können. „Mein Ton ist weitgehend ironisch … aber sie missverstehen mich – dagegen kann man jedoch nichts machen.“ Das diese Form der Distanziertheit oft mit Gleichgültigkeit verwechselt wird, kam mir ebenso bekannt vor wie das Gefühl der ‚Fremdheit unter den Menschen‘. Das oben gezeigten youtube- Video gewährt Einblicke in das Weltbild einer beeindruckenden Persönlichkeit.

Vielmehr als ihr Weltbild interessiert mich an dieser Geschichte jedoch die Reaktion der Gesellschaft. Wer eine Situation frei von Sach- und Beziehungsebene betrachtet erhält Einblick in die allgemeine Struktur, und Zusammenhänge der Thematik. Diese sind vollkommen wertfrei – die Frage nach ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ stellt sich nicht, da kein Bewertungssystem bei der Betrachtung mit einbezogen wurde. Wie kommt es dann aber, dass diese objektiv gesammelten Erkenntnisse nicht weiter ‚gesendet‘ werden können, ohne das die Objektivität beim Empfänger verloren geht? Wie entsteht dieses unglaubliche Kommunikationsproblem, wodurch ein Inhalt eine vollkommen andere Aussage erhält?

Vereinfacht dargestellt ist es in etwa so, als würde man ein Fussballspiel gucken ohne sich dabei auf die Seite der einen oder anderen Mannschaft zu stellen. Man positioniert sich nicht – man ist emotional nicht involviert und man hat auch keine Meinung zum Fussballsport als solchen. Man guckt sich einfach nur das Spiel an – ohne zu bewerten und ohne zu interpretieren. Selbst wenn ein Spieler kleinwüchsig ist und nur ein Bein hat, ergreift man nicht Partei für ihn wenn dieser unsportlich gefoult wird. Selbst wenn in einer Mannschaft nur zwei Spieler sind und in der anderen Zwanzig unterlässt man Bewertungen wie: „Das ist doch total unfair! Zwei gegen Zwanzig… das kann man doch nicht machen. Wie feige ist das denn???“ ‚Richtig‘ und ‚falsch‘ gibt es nicht! Das sind nur Werte und Normen, die sich von Gesellschaft zu Gesellschaft und von Gruppe zu Gruppe, ja sogar von Person zu Person, unterscheiden. Trotzdem wird erwartet, dass man sich in dieser Gesellschaft positioniert. Macht man das nicht selbst erledigt das die Gruppe für einen, denn ’stehst du nicht auf unserer Seite, gehörst du zu den anderen‘.

Gehe ich nach dem Spiel nun nach Hause um meinen Freunden vollkommen objektiv berichten zu wollen was ich gesehen habe, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass ich nur bis zu dem Punkt komme, an dem ein Behinderter gefoult wurde. Es kann also sein, dass mein Gesprächspartner an diesem Punkt der Geschichte so hängen bleibt, und dass der Rest meiner Spielberichterstattung völlig an ihm vorbei zieht. „Wie kann man denn einen Einbeinigen foulen? Wer tut denn so was??? Und was bist du überhaupt für ein Mensch, dass du da nicht persönlich eingeschritten bist? Dagegen muss man doch was tun! So was gehört sich doch nicht! …“

Ganz ähnlich ist es auch, wenn Meta- Denker ihren Mitmenschen von ihren Gedankengängen erzählen. Die Menschen hören was man sagt, aber verstehen etwas vollkommen anderes, als das was man meint. Sie kommen mit der Ethik- und Moral-Keule und behaupten: „Aber so darf man nicht denken!“ Doch, darf man! Und das sollte man hin und wieder auch! Allerdings frage ich mich, wie viele Menschen das eigentlich können?

Der übermäßige Gebrauch der Ethik und Moral-Keule führt außerdem schnell zu ‚falscher Höflichkeit‘. Es gibt in unserer Gesellschaft tausend Dinge, die sich angeblich nicht gehören und über die man besser nicht spricht. Etwas gegen eine Person zu sagen, die einer ethischen Minderheit angehört, das macht man zum Beispiel nicht – selbst wenn es stimmt. Wenn ich also einem Jugendlichen mit Migrationshintergrund sage, dass ich es asozial finde wie er in den Gegend rumrotzt und dabei laut schlechte Musik über sein Handy hört, dann bin ich ausländerfeindlich. Man sagt ja auch Dicken nicht das sie dick sind, das wäre nämlich nicht ehrlich sondern unhöflich. Das ist das Paradoxe an der Ehrlichkeit. Angeblich sind alle ganz scharf darauf, aber scheinbar kann keiner mir ihr umgehen. Das ist alles so verwirrend, dass die meisten erst gar keine eigene Meinung haben, mit der sie anecken könnten. Schön immer das denken was alle denken, dann läuft’s schon irgendwie. Und ganz dumm ist diese Einstellung ja auch nicht, denn selbstständiges Denken wird in unserer Gesellschaft weder gefördert noch belohnt.

Wem dieses ganze Reglement zu kleingeistig ist behält dies aber lieber für sich, denn die Karl Jaspers dieser Welt sind selten, und Verständnis ebenso spärlich gesät wie Toleranz.

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