Ziviler Ungehorsam oder Attacke der Weltverschwörer?

„Es ist Teil der moralischen Trägödie, mit der wir es hier zu tun haben, dass Worte, wie Demokratie, Freiheit, Rechte, Freiheit, Gerechtigkeit, die so oft zu Heldenmut inspirierten, und die Menschen dazu trieben, ihr Leben für Dinge herzugeben, die das Leben erstrebenswert machen, auch zu einer Falle werden können, zu einem Instrument, das genau die Dinge zu zerstören vermag, die die Menschen aufrechtzuerhalten versuchen.“

– Sir Norman Angell (1874-1967)

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Die Strategie seinen Gegner zu diskreditieren, um dadurch seine Glaubwürdigkeit zu untergraben, ist in der Politik eine häufig praktizierte Methode. Systemkritiker werden schnell als Verschwörungstheoretiker abgestempelt. Im Gegensatz dazu wird die, zur Konformität neigende, Masse gerne als Desinformant der „Mainstreammedien“ geortet. Die Wahrheit ist eine Frage des Standpunkts und so muss jeder für sich selbst die Fakten prüfen und bewerten, um schließlich zu entscheiden, ob eine Sache ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ ist.

Selbst Menschen, die sich, aufgrund ihres Tätigkeitsfelds, dieser Relativität der Realität bewusst sein müssten, verkaufen gerne mal ‚ihre Wahrheit‘ als eine ‚absolute‘ Angelegenheit. Am 16.04.14 versuchte Jutta Ditfurth in ihrem Kulturzeit-Interview auf 3sat, ihre Sicht der Dinge der Öffentlichkeit als Dogma unterzujubeln, als sie den Friedensdemos einen ’neurechten‘ Charakter unterstellte.

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‚Antisemitismus‘ ist, in unserer Gesellschaft der Pseudo-Moralisten, zu einem sehr wirksamen Totschlagwort geworden – zu einem Argument, dem man nichts entgegensetzen darf, weil es sich in den Augen der Allgemeinheit nicht gehört. Eine einfache Gleichung: Wer etwas gegen Juden sagt, der ist ein schlechter Menschen. Als Deutscher sollte man  ohnehin nichts gegen Juden sagen, denn das setzt einen direkt gleich mit Adolf Hitler. Klingt schwachsinnig? Ist es auch! Dennoch ist ‚Wer was gegen Juden sagt, der ist ein Anti-Semit‘ ein weit verbreiteter Gedankengang. Abgesehen davon, dass von den Juden in aller Welt nur ein geringer Prozentsatz Semiten sind, ist eine solche Gleichstellung maximal kleingeistig, denn nicht jeder, der an der Handlung eines Juden Kritik übt, glaubt an zionistische Weltverschwörung. Eine Handlung oder Sache mit einer Person gleichzusetzen oder zu identifizieren, kann zu großen Missverständnissen führen! Nehmen wir ein politisch weniger brisantes Beispiel, um zu verdeutlichen, wie absurd eine solche Gleichsetzung ist: Übt man Kritik an den Einrichtungsvorschlägen von Tine Wittler bedeutet das dann auch, dass man keine dicken Menschen mag? Wenn man ihre Wohnideen nicht schön findet, ist man dann automatisch frauenfeindlich? Haben Fernsehzuschauer, die ‚Einsatz in 4 Wänden‘ nicht gucken, eine Antipathie gegen Blonde??? 

Zugegeben, solche Relativierungen führen auf einen schmalen Grat, und wenn die Masse auf die Frage: „Was wollt ihr?“, „Frieden!“, schreit, dann erinnert diese Forderung nach dem ‚totalen Frieden‘ durchaus in ihrer Nachdrücklichkeit an ‚Die Welle‘. Doch die Gefahr der kollektiven Idiotie besteht nun mal, wenn die Masse sich zusammenschließt. Aber sollte man sich deshalb nicht mehr zusammenschließen, um nach einer besseren Zukunft zu streben? Wichtig ist lediglich, sich der Gefahren bewusst zu sein. Bertolt Brecht beschrieb dieses Dilemma einst mit folgenden Worten: „Das Schicksal des Menschen ist der Mensch.“ Das kann sowohl ein Satz der Hoffnung, als auch ein Satz der Verzweiflung sein – entscheidend ist, was man daraus macht. Das Gleiche Prinzip gilt im Grunde auch für die Montagsdemos.

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Die Dinge sind, wie sie sind, wenn sie es sind – was nicht bedeutet, dass sie immer so bleiben, wie sie sind. Was eben noch richtig und wichtig war, kann sich plötzlich und unvorhergesehen als grundlegend falsch entpuppen. Sich einmal zu positionieren funktioniert deshalb vielleicht noch bei der Wahl einer Fussballmannschaft. Habe ich mich einmal für ein Team entschieden, dann stehe ich diesem, als treuer Fan oder Spieler, mit blindem Loyalismus sowohl in guten, wie auch schlechten Zeiten bis zum Ende zur Seite. Doch außerhalb des Fussballfeldes sollte man seine Entscheidungen öfter auf Aktualität prüfen! Spiele ich denn wirklich noch in dem, für mich richtigen, Team? Passt das alles noch zu mir und meinen Ansichten?

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Die Unterstellungen von Frau Ditfurth waren für mich Grund genug, um meine Haltung gegenüber den Friedensdemos auf den Prüfstand zu stellen. Vergangenen Montag sprach ich mit vielen Demonstranten. Keiner der Menschen vor Ort erschien mir auch nur annähernd ‚rechts‘, und die Forderungen der Demonstranten sind, in meinen Augen, mehr als gerechtfertigt. Zweifel haben Ditfurths Anschuldigungen jedoch nicht nur bei mir ausgelöst. Der Mann auf dem Bild oben, drückt dem Frieden zwar den Daumen, doch sein Gesicht möchte er nicht fotografieren lassen. „Wissen sie, die ganzen Debatten um die Friedensdemos in den Medien sind ja doch sehr unschön. Ich selbst halte die Montagsdemo für eine gute Sache. Ich werde auch weiterhin kommen – nur fotografieren lassen will ich mich besser nicht „, erklärt er mir seine Bedenken.

Ich kann mich dieser Aussage nur anschließen. Unser Problem sind nicht die Montagsdemos oder ziviler Ungehorsam – unser Problem ist der zivile Gehorsam und die Abwesenheit von Bewusstsein!