Superlative Emancipation

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Heute ist Weltfrauentag. Das ist Grund zur großen Freude und Anlass genug für das Superlative Magazine aus Hamburg mal wieder einen Text zu schreiben:

Emanzipieren. Komisches Wort. Laut Duden bedeutet es:!
a. sich aus einer die eigenen Entfaltung hemmenden Abhängigkeit lösen, sich selbstständig, unabhängig machen, Gleichstellung erlangen!
b. sich lösen, befreien!
c!. (selten) jemanden aus einer Abhängigkeit lösen, selbstständig, unabhängig machen!

Beim Lesen der Definition musste ich kurz lachen, denn plötzlich kam mir der Gedanke: “Emanzipation is’wie Denken. Jedem steht es frei es zu tun, doch niemand möchte gebrauch davon machen…“. Plötzlich fiel mir auf, dass mein Gedankengang vielleicht gar nicht so blöd war. I!st die Vorraussetzung für Emanzipation nicht emanzipiertes Denken?!

Ursprünglich sollte dieser Text hier ein Appell an die Frauen werden. Eine Hommage an die weibliche Emanzipation. Pünktlich zum Weltfrauentag wollte ich die Welt wissen lassen, weshalb die Emanzipation der Frau, auch in einer Gesellschaft in der man es scheinbar nur als leicht bekleidete Polyesterschlampe zu etwas bringt, wichtig und richtig ist. Aller Negativ-Beispiele, wie Alice Schwarzer, zum Trotz wollte ich beweisen, dass Emanzipation auch sexy sein kann. Doch dann blieb ich an meiner Theorie über das ‚emanzipierte Denken‘ hängen und deshalb werde ich darauf verzichten die Emanzipation nur aus der Perspektive einer Frau zu betrachten. Lieber möchte ich geschlechterübergreifend und in Stéphane Hessel-mäßiger Manier dazu aufrufen: E!manzipiert euch – in eurem Denken! !

Denken ist der Ursprung allen Handelns. Zumindest sollte das so sein – auch wenn ein paar völlig geniale Vertreter unserer Spezies scheinbar in der Lage sind zu handeln, ohne vorher auch nur eine Sekunde gedacht zu haben. Doch egal wie kleingeistig ein Gedankengang auch ist, nach Hermes Trismegistos ist er die Grundlage von Materie bzw. ‚allem was ist’. Oder um es mit Marc Aurels Worten auszudrücken: „Das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab!“!

Gucken wir uns diese ‚Beschaffenheit‘ doch mal genauer an: Durchschnittlich 60 000 Gedanken gehen einem Menschen pro Tag durch den Kopf. Ca. 72 % davon sind flüchtige und unbedeutende Gedanken, 25% destruktive Gedankengänge und grade mal ca. 3 % sind aufbauende Gedanken, die dir und anderen nutzen. Zudem kommt der Fakt dass das, was du grade denkst, fast identisch ist mit dem, was du gestern gedacht hast. Wie Mantras beten wir deshalb jeden Tag immer wieder idiotischen Denkmuster wie:“Ich habe keine Zeit!“ oder „Ich muss mich mehr anstrengen!“ oder „Ich muss es schaffen!“… Tatsächlich sind die meisten dieser nervigen Gedanken nicht mal unsere eigenen. Von klein auf haben wir nämlich die Gedankengänge und Glaubenssätze unserer Eltern und Großeltern und die unseres sozialen Umfelds aufgesogen wie Muttermilch. Na, erinnerst du dich an Sätze wie: „Im Leben kriegst du nichts geschenkt, da muss du dich schon anstrengen!“, „ein richtiger Mann verdient die Brötchen und ernährt seine Familie. Die Frau bleibt zu Hause und passt auf die Kinder auf“, „die Macht liegt bei den Anderen, ich kann in der Welt nichts verändern“? Man kommt nicht als Mensch auf die Welt, der denkt: “Die Ausländer nehmen mir die Arbeit weg.“ Eigenständiges, kritisches und emanzipiertes Denken wurde uns tatsächlich nicht in die Wiege gelegt.!

Was denkt es den ganzen Tag in dir? Es macht viel Sinn das genauer zu beobachten. Natürlich kann es sein, dass du tatsächlich genau das magst, was deine Freunde und deine Familie, deine Verwandten und Bekannte mögen. Rein zufällig. Genau das Gleiche. Die selbe Musik, die selben Bücher, den selben Modestil und diese witzigen, neuen Folgen vom Dschungelcamp. Vielleicht ist es wirklich reiner Zufall, dass man sich so einig war wie nie, wer GNTM gewinnen sollte, während der politische Konsens gemeinsam nach rechts abtriftet. Jeder hat eine Palette an scheinbar individuellen und erschreckend dogmatische Glaubenssätzen, was ‚richtig‘ und ‚falsch‘ oder was ‚gut’ und ‚böse’ ist. Gegen ‚die Anderen‘ emanzipieren wir uns schnell, dabei wäre es nicht weniger wichtig zu prüfen, ob die eigenen Reihen der persönliche Entfaltung nicht gelegentlich im Weg stehen. Emanzipation fängt bei uns selbst an. Um mich zu emanzipieren muss ich wissen, wer ich bin – sonst trage ich bloss die Ideologie eines anderen in die Welt. !

Es kann sein, dass ich meinen Arbeitsplatz verliere. Doch wem ist am letzten Arbeitstag denn tatsächlich ein ‚Ausländer‘ über den Weg gelaufen der Sachen sagte wie:“Ätsch bätsch, ich

krieg’deinen Job!“? Es sind also nicht mal Erfahrungswerte und trotzdem denken wir diese unwahren Gedanken, die wir irgendwo aufschnappen.!
Die Emanzipation der Frau ist ein weiteres schönes Beispiel! Hätte man mir nicht gesagt, dass ich eine Emanze bin, ich hätte es nicht mal bemerkt. In meinen Beziehungen stehe ich auf die klassische Rollenverteilung und auch sonst hat meine Vorstellung einer emanzipierten Frau wenig mit dem zu tun, was weitläufig als Emanzipation verstanden wird. Wenn Alice Schwarzer eine Emanze ist, dann will ich keine sein! Und auch ohne sie hat das Wort im Laufe der Zeit eine eher negativ geprägte Konnotation bekommen.!

Emanzipiertes denken und handeln setzt ein gewisses Maß an Selbstreflektion voraus. Ich muss meinen Standpunkt kennen um ihn anderen gegenüber vertreten zu können – und seinen Standpunkt zu vertreten wird auch nicht erst dann notwenig, wenn ich zu einer unterdrückten Minderheit gehöre.!

Wie ich bereits zuvor erwähnte beginnt die Emanzipation für mich im Geist. Doch oft nehmen wir uns viel zu wenig Zeit zur Selbstreflektion und bemerken deshalb gar nicht erst, dass die Meinung die ich vertrete, gar nicht meine ist. Dass das Leben, das ich führe, mich vielleicht gar nicht mehr erfüllt. Das die Verbindungen, die ich im Laufe der Jahre eingegangen bin, heute gar nicht mehr zu zu mir passen. Sei es die Freundin, deren Brötchen ich verdienen soll, obwohl ich finde das sie ihren faulen Arsch ruhig selbst zur Arbeit schwingen könnte. Oder der Freund, für den ich wiederwillig koche, obwohl mein Arbeitstag lang war und er genauso gut weiss wie ich, wie der Herd funktioniert. Eltern, die sagen man sollte endlich heiraten oder man hätte nie heiraten dürfen. Die Liste der Menschen, die täglich versuchen und zu sagen, was wir tun oder lassen haben ist lang! Oft sind wir von all dem Input so verwirrt, bis wir selber gar nicht mehr wissen, was wir eigentlich wollen. Und von dem Einfluss der Medien fangen wir besser gar nicht erst an… Deine M!einung bilden viele, nur du selbst trägst leider wenig zu Meinungsbildung bei! Emanzipier dich!!

Was ich sonst noch über das emanzipieren und die Emanzipation an sich denke, das habe ich den Kolleginnen von der Waterkant in einem Interview verraten.

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