Die neue Studie „Clubkultur Berlin 2026“ liefert starke Zahlen: weniger Alkohol, kürzere Aufenthalte, sinkende Kaufkraft. Die Clubcommission liest daraus vor allem: Die Leute feiern nicht weniger, sie konsumieren nur anders. Die selbstbewusste Interpretation, dass Clubkultur in ihrer heutigen Form automatisch weiterhin gefragt bleibt, wird meiner Meinung nach jedoch nicht von den Zahlen getragen. Im folgenden erkläre ich wieso das so ist.
Die Veröffentlichung ist vor allem eine Advocacy-Studie mit dem Ziel politische Handlungsempfehlungen zu stützen – Flächensicherung, Förderung, Anerkennung als Kulturstätte, bessere Rahmenbedingungen.
Ich will das nicht werten, denn die Erhebung ist wichtig und richtig. Doch sie zeigt eben nur, was die bestehende Clublandschaft von außen braucht, damit sie weiter existieren kann. Sie beantwortet weniger die Frage: Wie darf sich Clubkultur anpassen, damit Menschen sie in Zukunft überhaupt noch wollen?
„Die Nachfrage ist ungebrochen“ – stimmt das so?
Ein zentraler Punkt in der Kommunikation lautet: Die Nachfrage nach Clubkultur sei weiterhin hoch. Als Beleg werden unter anderem die Auslastungszahlen genannt. Viele Clubs erreichen weiterhin eine ordentliche Auslastung. Klingt logisch. Aber Auslastung ist nicht dasselbe wie Nachfrageentwicklung.
Ein voller Club sagt uns nicht, ob dieselben Menschen früher viermal im Monat und heute nur noch einmal ausgehen. Er sagt uns nicht, ob insgesamt weniger Veranstaltungen stattfinden. Er sagt uns auvh nicht, ob sich das Publikum stärker auf einige wenige Orte konzentriert. Und er sagt uns schon gar nicht, ob die klassische Clubnacht von Mitternacht bis Frühstück weiterhin das Sehnsuchtsprodukt schlechthin ist.
Die Studie zeigt auch: die Leute bleiben weniger lang… Wenn Clubbetreiber:innen sagen, dass Gäste weniger trinken und kürzer bleiben, ist das ein relevanter Befund. Es ist aber noch keine Erklärung dafür, warum sie das tun. Man könnte die sinkende Aufenthaltsdauer auch anders interpretieren: Clubgänger:innen bleiben weniger lang, wenn sie sich die Party nicht schön saufen. Zahlen in Studien wirken oft neutral, aber meine Interpretation zweigt, wie stark subjektiv ihre Deutung geprägt ist. Dennoch spricht sinkende Verweildauer wenig für die Qualität einer Veranstaltung. Aber wie müsste denn die Clubnacht sein, damit die Gäste bleiben?
Die wirklich spannenden Fragen werden in dieser Studie nicht gestellt. Statt:”Gehen die Leute noch aus?„, hätte man untersuchen können, ob das Cluberlebnis noch stark genug ist, um Preis, Zeit und Aufwand zu rechtfertigen? Provokante These: Weniger Alkohol könnte auch ein Qualitätstest sein. Das ist nur meine These – kein Studienergebnis. Aber sie lohnt sich.
Denn wenn Menschen nüchterner feiern, muss das Erlebnis stärker aus sich selbst heraus funktionieren. Dann werden plötzlich Dinge wichtiger, die vorher vielleicht leichter übertüncht wurden: Sound, Licht, Dramaturgie, Social Spaces. Letztere werden bei der Umfrage übrigens als top Antwort für „Gründe für den Clubbesuch“ genannt – direkt auf Platz 2: „Freund:innen treffen“. Das ist allerdings ein need, den so auch jede Parkbank günstiger stillen kann.
Eine weitere Frage, die mich beschäftigt ist, ob weniger Alkohol auch automatisch immer gleich weniger Umsatz heißen muss. 60 Prozent der Befragten beobachten steigenden Konsum alkoholfreier Getränke. Aber warum lautet die Reaktion darauf so oft: Uns fehlt Barumsatz? Warum fragt niemand: Was wollen die Menschen denn stattdessen kaufen?
Wenn Clubs nachts im Wesentlichen Wasser, Mate und Cola anbieten, während Menschen tagsüber bereitwillig Geld für Kombucha, Kokoswasser und anderen pricey wellness drinks und functional beverages ausgeben, dann liegt möglicherweise auch ein Angebotsproblem vor. Die Studie sagt wenig darüber, was Gäste tatsächlich wollen oder wofür sie zahlen würden. Aber genau das wäre aber eine ziemlich konkrete Handlungsmöglichkeit für Clubs.
Vielleicht steckt nicht Clubkultur unter wirtschaftlichem Druck– sondern nur ein unzeitgemäßes Angebot?
Day-Partys, Sober Raves, kürzere Aufenthalte, andere Öffnungszeiten: Das kann Ergänzung sein. Es kann aber auch Substitution sein. Die Studie zeigt nicht ausreichend, ob Menschen heute zusätzlich anders feiern oder stattdessen anders feiern. Vielleicht wollen Menschen weiterhin Ekstase – nur nicht unbedingt zehn Stunden lang und bis Sonntagmittag. Vielleicht wollen sie ihr Geld nicht für eine Clubnacht ausgeben, wie man sie jedes Wochenende erleben kann.
Überhaupt ist die Formulierung „60 Prozent berichten von einer sinkenden Kaufkraft ihres Publikums“ super spekulativ und bedeutet zunächst nur: Ein großer Teil der befragten Betreiber:innen meinen wahrzunehmen, dass Gäste weniger finanziellen Spielraum haben. Das ist keine direkte Messung der Kaufkraft der Clubgänger:innen. Es wurden dafür vermutlich keine Einkommen, verfügbaren Budgets oder konkreten Ausgabenverläufe des Publikums erhoben.
Ich zum Beispiel meine wahrzunehmen, dass Menschen lieber bewusst in besondere Erlebnisse investieren. Aber ist halt nur meine Wahrnehmung keine Messung. Again: Die Studie zeigt den wirtschaftlichen Druck, aber sie untersucht zu wenig, wie Clubs auf eine preissensiblere Zielgruppe reagieren können. Ja, wenn Menschen weniger Geld haben, konkurriert der Clubabend natürlich stärker mit allem anderen: Konzert, Restaurant, Streaming-Abo, Urlaub, Parkbank. Folglich investieren Menschen bewusster in Erlebnisse, die sich ihren Preis wirklich wert anfühlen.
Wie ich die Studie bewerte? Methodisch wirkt sie auf mich fast ein bisschen wie das 1%-Quiz mit Jörg Pilawa: 102 vollständig ausgefüllte Fragebögen auf Betreiber:innen-Seite – und für die Perspektive des Publikums lediglich zwölf qualitative Interviews mit 22- bis 28-Jährigen. Menschen in meinem Alter wurden erst gar nicht befragt. Für Aussagen darüber, wie Berliner Clubgänger:innen insgesamt ticken, ist das alles ziemlich dünn.
Die politischen Forderungen der Clubcommission sind in vielen Punkten trotzdem stimmig: Räume sichern, Clubs als Kulturorte anerkennen, Schallschutz fördern, Planungssicherheit schaffen. Politik kann verhindern, dass ein Club wegen steigender Mieten verschwindet. Sie kann Räume erhalten. Sie kann aber nicht dafür sorgen, dass Menschen diese Räume gerne besuchen. Genau deshalb fehlt mir in der Studie eine zweite Ebene: Handlungsempfehlungen an die Clubkultur selbst.
Satt Rettungsrhetorik hätte ich mir einen stärkeren Fokus auf Selbstwirksamkeit gewünscht. Vielleicht darf die nächste Erhebung deshalb ein bisschen mehr Audience Research sein: neue Drinks, andere Zeitmodelle, flexibles Ticketing, bessere Aufenthaltsqualität, neue Formate – wie können die aussehen? Weniger Krisenzahlen und mehr unbequeme Fragen könnten Handlungsfeder aufzuzeigen und in die Selbstwirksamkeit führen statt ständig auf Rettung von außen zu hoffen. Warum kommen Menschen? Warum gehen sie früher? Und warum kommen manche gar nicht mehr?
Unterm Strich ist die Studie natürlich wichtig, weil sie zeigt, wo Clubkultur Schutz braucht. Aber sie ist kein Beweis dafür, dass Menschen genauso häufig feiern wie früher oder Day-Partys nur zusätzlich stattfinden. Sie erklärt auch nicht, warum Menschen kürzer bleiben oder was Clubkultur können muss, um in Zukunft nicht das Publikum an eine Parkbank zu verlieren.

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