Die Folgen des Yolocaust und seine Opfer

Berlin / Kreuzberg.

Am frühen Sonntagmorgen ist das Glashaus der Arena noch immer Schauplatz des Exzess der Generation-Yolo. Die ganze Nacht haben diese passiv-agressiven Ketha-Kids viel Liebe zum Detail in ihre aufgesetzt Gangster-Attitude gesteckt. Da wird böse geguckt bis die Augenbrauen verkrampfen und getanzt bis der Swag aus jeder Pore trieft. Jeder dieser kleinen Unsympathen ist Experte in der hohe Kunst der exzessiven Feierei ohne dabei wirklich fröhlich auszusehen. Nichts wäre für das Getto-Image dieser wannabe-Lil’Waynes schädlicher als ein nettes Lächeln oder das geringste Anzeichen von Freundlichkeit. Gerne würden sie sich ein schönes ‚fuck y’all ya‘-Tattoo ins Gesicht oder wenigstens auf die Finger stechen lassen – aber das erlaubt die Mama nicht. Aus lauter Frust über diese Ungerechtigkeit ziehen die selbsternannten Anti-Helden los um sich richtig schön den Arsch zu zusaufen, und wenigstens mal eine Nacht in der Woche ordentlich auf die Kacke zu hauen. Wie ein Ballermannurlaub nur in der eigenen Stadt, denn man gönnt sich ja sonst nichts.

War die vorangegangene Hipster-Generation noch schwer mit der Individualität beschäftigt, blühen diese kleinen Assis in der Gruppe richtig auf. Es ist das Comeback der Halbstarken, bei denen die Fresse von Gruppenmitglied zu Gruppenmitglied größer wird. Gegenseitig finden sie sich richtig geil, aber sich selbst finden sie am Geilsten. Geilen Typen wie diesen widmeten die Hosen „Hier kommt Alex“, und sie wären  eine Bereicherung für jeden Hooligan-Verein. Ihr Typus war schon in den 30er in Deutschland gern gesehen und weit verbreitet. Gruppendynamik genießen ohne zu wissen, was das eigentlich ist. Hatte die frühere Generation Hipster noch irgendeine Art von Intelligenz, setzen die Opfer des yolocaust alles daran auch die letzte Hirnzelle für immer zu vernichten. Eine Party funzt erst dann, wenn die emotionale Intelligenz ertränkt wurde.

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Ursprünglich für den Auftritt von Kool Savas gekommen fand ich mich in der Mitte  dieser präpubertären Mittzwanziger, die auf ihren Mischkonsums offensichtlich nicht klar kamen. Von einer Minute auf die andere wurde ich erwachsen. Jahrelang selbst am Peter-Pan-Syndrom erkrankt, wollte ich nichts mit dieser Jugend zu tun haben. Für mich waren diese Kids ‚the definition of wack‘ und ich fragte mich, ob ich mich wohl damals in dem Alter genauso scheiße, peinlich und asozial benommen hatte? Was zur Hölle muss man sich ballern, um sich so zu benehmen? Waren die nüchtern nett? Waren die zwischendrin überhaupt mal nüchtern? Was macht man als Mutter von so einem Arschlochkind??? Dürfen Eltern Kinder, die sich so benehmen, als Organspender nach Rumänien verkaufen? Auch wenn die Leber niemandem nützt, könnten sie vielleicht doch noch das ein oder andere Leben retten… Fragen über Fragen beschäftigten mich, während ich da an der Seite der Tanzfläche stand und den Opfertanz beobachtete.

Dabei war ich gekommen, um diese Partys zu mögen. Ich wollte ein Fan werden. Nicht wegen der Arschlochkinder, die wollte ich am liebsten einzeln in der Spree ertränken, eher weil ich wild entschlossen war zukünftig an meiner Freundlichkeit zu arbeiten. Wer f***en will sollte freundlich sein, aber außer mir war hier niemand freundlich und ich fragte mich warum?

Hatte der Yolocaus vielleicht wirklich ernsthafte, psychische Störungen in der Persönlichkeitsentwicklung  dieser peer-group hinterlassen? Waren das die Opfer eines posttraumatischen Stresssyndroms? Löste das ganze yolo-massephase-babbo-bitch Getue vielleicht wirklich Irritationen in der Identität und in dem Gefühlslebens der kleinen Arschlöcher aus? Waren das hier am Ende gar keine kleinen Arschlöcher  sondern hatten diese armen Seelen nur Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung zwischenmenschlicher Kontakte? War die Enttäuschung kein ein g-thugs zu sein und niemals einer zu werden zu groß? Waren sie deshalb misstrauisch und feindselig gegenüber ihrer Umwelt? Die etablierte Mittelschicht muss man ja erstmal verkraften. Vielleicht tat ich den kleinen Arschlöchern unrecht und sie waren bloß zutiefst traumarisiert und ihre gewaltbereite Haltung war nur ‚ein stummer Schrei nach Liebe‘- um es mal mit den Worte der Ärzte auszudrücken. Die Fremdscham dieses tief traurige Anblicks trieb mich allerdings selbst fast an den Rande einer Depression. Savas hatte ich verpasst und so gab es keinen Grund für mich zu bleiben.

Als ich die Getto-Hipster ihrem Schicksal überlies, kam ich auf dem Hof an einem Chauffeur vorbei. Dieser war offensichtlich grade in einen lautstarken Streit mit einer Gruppe halbstarker Arschlöcher verwickelt. Ganz beflügelt von soviel Überzahl hatten die kleinen Assis den Mann dumm von der Seite angepöbelt, der offensichtlich auf einen der Künstler wartete, den die Getto-Hipster kurz zuvor drin noch hart gefeiert hatten. „Ihr dämliches halbstarkes Hipster-Pack fühlt auch in der Gruppe so toll! Ihr zugezogenen Vollidioten“, schimpfte er, und auch wenn ich selbst ein zugezogener Vollidiot war, musste ich ihm recht geben! Ich bewunderte ihn aufrichtig für seine Contenance den kleinen Arschlochkindern nicht einfach eine zu langen. Verdient hatten sie’s, und es wäre vielleicht eine wertvolle Lektion gewesen zukünftig grundloses Pöbeln zu lassen. Natürlich möchte ich nicht eine ganze Generation in eine Schublade stecken, doch wann genau ist dieser ‚return of the Halbstark‘ eigentlich passiert? Und vor allem: Warum???

Ich war zu dem Entschluss gekommen, dass ich nie so war. Ich habe auch bis zum abkotzen gefeiert – und das meine ich nicht metaphorisch. Ich bin noch immer bekennender Freund des Rock’n Roll Lifestyles. Aber ich bin auch bekennender Freund von Höflichkeit, Nettigkeit und Aufmerksamkeit – wenn man mich lässt. Ich kann saufen wie ein Loch, aber selbst kurz vor der Alkoholvergiftung ordere ich den letzten Drink noch mit einem freundlichen ‚bitte‘. Wenn man mich reizt, dann mache ich zweimal sehr höflich darauf aufmerksam das bitte zu unterlassen. Nach den Konsequenzen sage ich sogar in aller Ruhe:’Entschuldigung, aber ich hatte dich ja gewarnt!‘. Zugegeben, ich trage Abends selbst gerne mein ’no new friends‘-Gesichtchen, aber nicht weil ich auf Krawall gebürstet bin, sondern weil ich nicht angequatscht werden will – silence not violence.

Ich werde die kleinen Assis vermutlich nie verstehen und so hat es nur eine halbe Stunde auf einer Party gebraucht um den Kontakt zur Jugend für immer zu verlieren. Jetzt ist es offiziell: Ich bin alt! Ab jetzt werde ich viel Zeit damit verbringen, mich über die Jugend heutzutage zu beschweren, über ihren behinderten Musikgeschmack zu lästern, über ihre gefakte Attitude abzurotzen und einen ‚früher war alles besser – auch die Zukunft‘-Spruch nach dem anderen zu droppen. Außerdem werde ich ab sofort auf einen Sitzplatz im Bus bestehen und Jüngere dazu nötigen, für mich aufzustehen. Wollen wir den Chabos doch mal zeigen, wer hier der Babo is‘. Etwas Respekt vorm Alter … ihr biiiitches!

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